Freitag, 20. März 2009

Der Mäusestaat

(Verfasser anonym)

"Es war einmal in einem fernen Land eine Kolonie von einigen Fledermäusen, die gemeinsam mit einer wesentlich größeren Kolonie von Feldmäusen einen Staat gegründet hatten. Das war gut, denn gemeinsam ist man stark. Stark gegen Bedrohungen und Fressfeinde, stark bei der gemein­samen Nahrungssuche und -lagerung, und bei vielem mehr.

Doch schon nach kurzer Zeit regte sich in den Feldmäusen der Neid. Die Fledermäuse konnten fliegen, sie selber nicht. War das nicht ungerecht? Eine besonders kluge Feldmaus stellte die Frage, die niemand mehr vergessen sollte: »Wer sagt uns, dass die Fledermäuse alles, was sie erbeuten, auch nach Hause bringen? Dass sie nicht irgendwo außerhalb unseres Staates Lager einrichten und einen Teil der Beute vor uns verstecken? Wir können nicht fliegen, haben also auch keine Möglichkeit, das zu kontrollieren. Sollten in einem Staat nicht alle gleich sein?«

Je mehr die Feldmäuse über diese Möglichkeit nachdachten, desto schlüssiger schien sie ihnen. Ja, man sollte etwas gegen diese Ungleichheit tun. Sie beriefen zusammen mit den Fledermäusen einen Rat ein und brachten das Thema zur Sprache. Natürlich wehrten sich die Fledermäuse gegen solche Beschuldigungen. Sie hatten nie auch nur im Traum daran gedacht, das zu tun, was ihnen hier vorgeworfen wurde. »Niemand wirft euch etwas vor, liebe Fledermäuse. Wir sagen doch nur, dass die Möglichkeit besteht. Es gibt keine Garantie, dass ihr es nicht tut. Nicht einmal ihr selber könnt garantieren, dass nicht der eine oder andere es heimlich tut. Ihr seid ja nicht immer zusammen.«, stellte die kluge Feldmaus klar.

Hmmm, das leuchtete irgendwie ein. Die Fledermäuse konnten dieses Misstrauen schon nachvollziehen, auch wenn sie es als unberechtigt sahen. Ihnen war klar, dass die Feldmäuse eine völlig andere (eingeschränkte) Perspektive hatten, und das rechtfertigte wohl so eine Sichtweise. »Wir haben nichts zu verbergen«, sagten sich die Fledermäuse. »Ihr könnt uns gerne kontrollieren, wenn ihr dann beruhigter seid.« »Ja, wie denn? Wir können ja nicht fliegen!« Nach langer Debatte wurde vorgeschlagen, die Fledermäuse sollen nicht mehr fliegen. Im Sinne der Chancengleichheit. Schließlich ist Fliegen für die Nahrungssammlung nicht zwingend nötig, es geht auch ohne. Die Feldmäuse lieferten ja täglich den Beweis dafür. Die Fliegerei schürt nur Neid und Misstrauen, und darum sollte man sie im Sinne der Allgemeinheit abschaffen.

Die Flügel stutzen, was eigentlich die effektivste Mög­lichkeit wäre, war dann doch zu inmausan, das sahen alle ein. Also »einigte« man sich auf einen Kompromiss: Den Fledermäusen wurden die Flügel freiwillig am Rücken festgebunden. Man einigte sich ganz demokratisch darauf, in einer allgemeinen, geheimen und freien Wahl. Schließlich lebte man ja in einer Demokratie. Und da sie ja mit abstimmen durften, beugten sich die Fledermäuse dem Willen der Mehrheit. Da die Wahl ja geheim war, könnte es ja sein, dass auch etliche von ihnen dafür gestimmt haben.

So wurden den Fledermäusen also die Flügel auf dem Rücken festgebunden. Da das Laufen auf der Erde aber nicht ihre Art der Fortbewegung war, fiel es ihnen ziemlich schwer, weiter produktiv zu sein. Aber sie strengten sich an, schließlich wollten sie ja auch ihren Beitrag für die Gesellschaft leisten.

Nach ein bis zwei Generationen, als alle merkten, dass die Fledermäuse immer noch viel unproduktiver waren als die Feldmäuse, beschlossen die Mäuse, an diesem Problem zu arbeiten. Allen war klar, dass es kein böser Wille oder Faulheit der Fledermäuse war. Sie konnten es einfach nicht besser. Also erfand man etwas ganz tolles: Schulen. Damit jeder lernte, wie man richtig läuft und richtig arbeitet. Und damit jeder, der Flügel hatte, auch lernte, wie man diese richtig und effektiv auf dem Rücken zusammenbindet. Es gibt nämlich Flügel­bindemethoden, die den Bewegungsablauf mehr behindern als andere. Das kommt vor allem dann vor, wenn die Flügel zu locker gebunden sind. Und damit auch wirklich alle das lernen konnten, führte man eine allgemeine Schulpflicht ein, in der nur bestimmte Mäuse, meistens Feldmäuse, den Unterricht führten. Es war ja erwiesen, dass die Feldmäuse in der Nahrungssuche viel produktiver waren. Also musste man ja von ihnen lernen. Wie kann eine Fledermaus, die selber langsam und uneffektiv ist, anderen schnelles und effektives Laufen und Arbeiten beibringen? Eben, geht nicht.

Das System funktionierte ganz gut, und die Fledermäuse wurden tatsächlich ein wenig schneller und produktiver. Wenn man lange genug übt, stellten alle fest, und die richtigen Methoden lernt und anwendet, wird man immer besser.

Jedem Fledermausbaby wurde von Geburt an beigebracht, die Flügel richtig festzubinden (die Eltern hatten es ja in der Schule gelernt), und nach den ersten gelungenen aber uneffektiven Schritten kam es dann in die Schule, wo es das Ganze richtig lernte, damit es im Leben zurechtkommt. Einige allzu neugierige Fledermauskinder fragten zwar, warum sie diese komischen Auswüchse am Rücken hatten und man erklärte ihnen geduldig, dass das eine Missbildung sei, die das Leben erschwert. Darum muss man sie auch zusammenbinden. Tut man es nicht, falten sich diese Missbildungen richtig auf und aufgrund des größeren Widerstands und der größeren Fläche würde das Laufen noch viel viel schwerer. Das leuchtete ein.

Aber nicht allen. Immer wieder mal kam die eine oder andere Fledermaus auf die Idee, dass diese Missbildungen vielleicht auch einen Vorteil bringen. Sie experimen­tierten damit herum, ließen sie eine Zeit lang offen. Sind die Flügel aber nicht trainiert, funktionieren sie auch nicht, wie sie es normalerweise tun. Im Gegenteil, durch das lange Zusam­menbinden sind sie eingerostet, die Muskeln geschwächt, die Sehnen verkürzt. So kam es, dass sich durch diese Versuche nur die bereits gelernte Theorie bestätigte, dass offen getragene Missbildungen nur uneffektiver machen wegen des höheren Widerstandes, der größeren Fläche etc. und man viel schwerer lief. Jeder durfte es ein-, zweimal probieren, um dann einzusehen, dass es wirklich so war.

Wer es aber öfter probierte und dabei erwischt wurde, auf den prasselten von allen Seiten Vorwürfe ein: »Er ist gemeinschafts­schädigend, ein böser Egoist, er hat nur Dummheiten im Kopf, die zu Lasten der Allgemeinheit gehen.« Diese Vorwürfe kamen gleichermaßen von Feld­mäusen und von Fledermäusen, die inzwischen ja selber lange genug gelernt hatten, dass die Missbildungen am Rücken nur zusammengebunden ertragen werden können. Wenn diese Vorwürfe nicht ausreichten, um den Delinquenten zur Besinnung zu bringen, wurden ihm die Flügel vom Kollektiv durch Zwang zusammengebunden und er wurde von allen Seiten misstrauisch beäugt, um jeden weiteren Aufbinde­versuch zu unterbinden. Natürlich nur zu seinem Besten. Man wollte ihn nur heilen. Bei ganz Unverbesserlichen wurde erst mit Nahrungsentzug gear­beitet, um sie zur Besinnung zu bringen, später, wenn das auch nicht half (was eher selten der Fall war) sperrte man sie eben für eine bestimmte Zeit in sehr enge Käfige ein. Da konnten sie auch mit aufgebundenen Flügeln selbige nicht ausbreiten, geschweige denn benutzen. Irgendwann sahen sie ihr Fehlverhalten und die Sinnlosigkeit ihres Tuns ein und gaben auf. Dann wurden sie wieder in die Gemeinschaft aufgenommen, standen aber noch lange Zeit unter Beobachtung, ob sie auch wirklich einsichtig waren.

Nur einige, ganz ganz wenige, fanden heraus, wofür diese Missbildungen am Rücken gut waren. Sie waren schlau genug, sie nur aufzubinden und mit ihnen zu spielen, wenn niemand sonst in der Nähe war. Ungesehen und heimlich lernten sie die Flügel wieder zu benutzen, weil sie sie trainierten. Diese wenigen konnten fliegen. Sie kannten die Wahrheit. Und alles in ihnen schrie danach, sie zu verbreiten: »Hey, diese Missbildungen erheben uns über die Feldmäuse. Sie helfen uns, alles aus einer anderen, höheren Perspektive zu sehen. Und sie machen uns so wahnsinnig produktiv und geschickt. Wacht auf! Versucht es. Es braucht eine Zeit, bis ihr wieder damit umgehen lernt, aber dann kann euch nichts mehr aufhalten!«

Was aber war nun mit einer erwachten Fledermaus, die diese Wahrheit verbreitete? Niemand nahm sie ernst. Erst recht nicht die anderen Fledermäuse. Die hatten ja ein-, zweimal versucht mit offenen Flügeln rumzulaufen und gesehen, dass es sie nur behindert. Aus Erfahrung gelernt, sozusagen. Außerdem merkten sie, dass derjenige, der diese Wahrheit verbreitete, in der letzten Zeit extrem unproduktiv war. Er war es, weil er ja viel Zeit damit verbrachte, heimlich seine Flügel zu trainieren. Aber die anderen sahen nur die Unproduktivität. Also stimmte es doch, was man ihnen in der Schule beigebracht hatte: Wer mit offenen Flügeln rumrennt, ist einfach unproduktiv. Selbst, wenn er es heimlich tut. Und bevor er den anderen zeigen konnte, wie Fliegen geht, dass er es wirklich kann, wurde er verhaftet und für lange Zeit bei magerer Kost in einen engen Käfig gesteckt. So lange, bis die Muskeln in den Flügeln wieder schwanden, die Sehnen sich wieder verkürzten und Fliegen wieder unmöglich wurde. Wurde er dann irgendwann freigelassen, hatte er meistens kein Bedürfnis mehr nach Freiheit, denn die hatte ihn viele Jahre bitterster Gefangenschaft und Not gekostet. Was hatte sie gebracht? Nichts, rein gar nichts. Gleichzeitig diente er den anderen als Warnung. »Wer seine Zeit mit unproduktiven und blödsinnigen Rücken­missbildungs­trainigsaktionen ver­bringt, landet im Käfig. Seht ihn euch an! Seht ihn euch gut an! Wollt ihr so enden?« Das wirkte.

Die einzigen Fledermäuse, die minimale Anzahl, die wussten, die fliegen konnten, die die Wahrheit kannten - nun, die konnten es nur heimlich tun, wenn niemand sie beobachtete. Und immer mit der Angst, dabei erwischt zu werden. Was aber brachte es ihnen? Sie konnten zwar die Freiheit fühlen, alles aus einer anderen Perspektive sehen, sich sogar zusätzlich Nahrung ganz nach ihrem Belieben suchen und Vorräte anlegen. Sie konnten ein Leben in Freiheit führen, aber auch in Einsamkeit. Niemals durften sie darüber mit anderen reden, auch und erst recht nicht mit anderen Fledermäusen. Nicht mit Freunden, nicht einmal mit der eigenen Familie. Zu tief saß es in den Köpfen, dass das Öffnen der Rücken­missbildungen unproduktiv war. Und auch die Angst vor der Bestrafung, die man bei anderen gesehen hatte, die die Missbildungen längere Zeit offen trugen. Sie konnten aus dem Mäusestaat wegfliegen und sich einen anderen Lebensraum suchen. Aber sie stellten fest, dass sich überall solche Kolonien und Staaten gebildet hatten. Und pro Staat gab es einen, höchstens zwei, die fliegen konnten, auch heimlich und immer in Angst vor dem Entdeckt­werden. Freiheit bedeutet Einsamkeit. Da Fledermäuse aber sehr soziale Tiere sind, brauchten sie ihre Familien, Freunde, Nachbarn in dem Staat. Sie brauchten Gesellschaft. Einsam leben war schlimmer, als unfrei zu sein.

Darum lebten die meisten einfach weiter mit zusammen­gebundenen Flügeln, um nicht alleine zu sein. Und nur manchmal und heimlich flogen sie und genossen das Gefühl der Freiheit und des Wissens. Verbittert durch den Schmerz, dieses Wissen mit niemandem teilen zu dürfen. Außer mit anderen freien Fledermäusen, die aber weit, weit weg sind. Und immer in Angst, entdeckt und bestraft zu werden. Ja, so manche dieser Fledermäuse hat sich schon oft gewünscht, die Freiheit nicht zu kennen, einfach »normal« zu leben wie die anderen. Denn solches Wissen belastet ungemein, wenn man es nicht teilen kann.

Wer jemals in den Palast gesehen hat und seine geheimen Kammern und prächtigen Säle bis in den letzten Winkel erforscht hat, kann sich nie mehr mit dem Vorhof zufrieden geben."

Für Sie im Internet gefunden, Ihr Otmar Schwalbe
Quelle: http://www.voluntarist.de/maeusestaat/

Autor: Otmar Schwalbe   
Thema:  Gesellschaft
Veröffentlicht: 20.03.2009, 18:21 Uhr

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